Leben in der Sperrzone: Tour nach Tschernobyl

Naturpark, Ökostrom und Freilichtmuseum: Tschernobyl arbeitet am Imagewandel und lässt Touristen direkt zum Unglücks-Reaktor 4.

Eine Reise nach Tschernobyl

Evdokija zu Hause im Sperrgebiet Tschernobyl, Foto Anita Arneitz, Chernobyl Tour, Ukraine, Reiseblog www.anitaaufreisen.at
Evdokija zu Hause im Sperrgebiet Tschernobyl, Foto Anita Arneitz

Die Natur ist ihr einziger Nachbar. Evdokija Beznaschenko Semionovna ist 72 Jahre alt und lebt allein auf einem abgeschiedenen Bauernhof mitten in der Sperrzone von Tschernobyl. Sie ist eine von 150 Ukrainern, die sich dem Verbot der Regierung widersetzte und nach dem verheerenden Super-GAU zurück in ihr Bauernhaus zog, weniger als 30 Kilometer entfernt von Reaktor 4. Am Tag der Katastrophe glaubten die Dorfbewohner noch an einen harmlosen Brand im Kernkraftwerk. Um davon abzulenken und Panik zu vermeiden, wurde in der sowjetischen Vorzeigestadt Pripjat sogar der Vergnügungspark eröffnet. Keine Information. Keine Jodtabletten.

 

Kraftwerksarbeiter und Feuerwehrmänner versuchten den Brand zu löschen. Ihre Körper mussten in einem versiegelten Betonsarg begraben werden, so hoher Strahlung waren sie beim Reaktor ausgesetzt. Die Internationale Atomenergiebehörde und Weltgesundheitsbehörde bringen rund 50 Tote direkt mit dem Unfall in Verbindung, 4000 sollen in Folge an Krebs gestorben sind. Andere Quelle sprechen von 60.000 oder gar Hunderttausenden. Über die Anzahl der Opfer gibt es keine verlässliche Angaben. Das hat damit zu tun, dass niemand weiß, wie viel Radioaktivität tatsächlich frei geworden ist. Fest steht nur, es waren zu viele.

Dorf Zalissya in der Sperrzone von Tschernobyl, Foto Anita Arneitz
Dorf Zalissya in der Sperrzone von Tschernobyl

Zurück in die Sperrzone von Tschernobyl

Erst am darauffolgenden Tag begann die Evakuierung der Bevölkerung. Allein in der Stadt Pripjat waren es fast 50.000. Die Regierung sagte den Menschen, sie bräuchten lediglich das Notwendigste mitzunehmen. Obwohl längst klar war, dass niemand jemals zurückkommen könnte. Auch Evdokija packte damals kaum etwas ein und verbrachte Monate in Kiew. Plötzlich herausgerissen aus ihrem Leben. Ohne Hab und Gut. Ohne Perspektive. Das hielt sie nicht aus. Heimweh war größer als die Angst vor der Strahlung.

Wohin hätte ich gehen sollen? Ich bin doch hier geboren“, sagt die Babuschka mit rotem Blumen-Kopftuch, blauem Trainingsanzug und Goldzähnen.

Die Entscheidung hat sie bis heute nicht bereut. Ihre Felder waren nicht stark verstrahlt. Seit Jahrzehnten baut sie Kartoffeln an, isst Fische aus dem Fluss und sammelt Pilze aus dem Wald als sei es das Normalste der Welt. Krank sei sie nicht, versichert Evdokija, abgesehen von ein paar Alters-Wehwehchen.

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Die Bäuerin versorgt sich, Hund, Katze und Hühner größtenteils selbst. Von der Rente alleine könnte sie nicht leben. Ihre Freunde bezeichnet sie als Familie. Die Katastrophe hat die Dorfbewohner zusammengeschweißt, sie helfen sich gegenseitig. Doch mit jedem Jahr wird ihre Gemeinschaft kleiner. Die Alten sterben und sonst darf niemand in der Zone sesshaft werden. Das heißt aber nicht, dass nichts los ist. Ganz im Gegenteil. Mehrere Tausend Menschen arbeiten nach wie vor im Kraftwerk. Sie pendeln täglich mit Bussen nach Tschernobyl oder bleiben für zwei Wochen. Dann ist Schichtwechsel.

Business in Tschernobyl

Die Reaktoren sind nicht mehr in Betrieb. Das Geschäft läuft trotzdem weiter. Es gibt Zwischenlager für die abgebrannten Elemente, Anlagen zur Verarbeitung radioaktiver Abfälle und Atommülldeponien. Der Bau des neuen Sarkophags rund um Reaktor 4 läuft auf Hochtouren. Schließlich hätte er längst fertig sein sollen. 1,75 Milliarden Euro wurden in die Schutzhülle investiert, die für ein Jahrhundert Sicherheit bieten soll. 36.000 Tonnen ist sie schwer und so groß, dass in ihr locker eine Kathedrale Platz hätte.
Ein paar Minuten stehen die Touristen staunend davor, dann geht die Tour weiter. Ausschließlich mit Guide und Genehmigung dürfen sie die Sperrzone betreten.

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Der Unglücksreaktor mit Schutzhülle in Tschernobyl

Inzwischen sind es bereits über 36.000 Touristen pro Jahr, die die Sperrzone besuchen. (2019 dürften es bereits wesentlich mehr sein). Manche kommen immer wieder, so beeindruckt sind sie von den verlassenen Häusern und der wilden Natur. Einer von ihnen ist Dominik Orfanus. 2008 gründete er „CHERNOBYLwel.come“ und führt durch das Gebiet. Davon sollen auch die Einheimischen etwas haben. Aufgrund der Touristen wurden ein paar Straßenstücke repariert und Gebäude neu angestrichen.

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Kraftwerk aus der Ferne

Hotel in Tschernobyl

Direkt in der Stadt Tschernobyl, die einige Kilometer entfernt vom Kernkraftwerk liegt, gibt es mittlerweile ein kleines Hotel mit Bad am Gang und hausgemachten Topfenpalatschinken zum Frühstück. Ein paar Gassen weiter kaufen Soldaten, Polizisten, Kraftwerksarbeiter und Touristen in einem kleinen Tante-Emma-Laden Wodka und Zigaretten für den Abend ein. Für Evdokija nimmt die Touri-Gruppe Butter, Brot, Öl und Mehl mit. Der Lkw mit Lebensmitteln fährt nur einmal im Monat zu den Dorfbewohnern.
Das Leben in der Sperrzone ist einsam. Ab und zu kommt wer aus der Stadt, um die Friedhöfe zu besuchen. Doch selbst das lässt nach.

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Vergnügungspark in Pripjat

Umso mehr freut sich Evdokija über Touristen. Stolz zeigt sie ihnen den Hof und die Tiere, lacht und erzählt lange. Für sie bedeute es Abwechslung und Unterhaltung im Alltag – und Lebensmittel. „Als das Pferd im Dorf Teremci starb, haben wir den Bewohnern einen Traktor gekauft, damit sie weiter Getreide und Gemüse anbauen können“, erzählt Dominik. Im vergangenen Jahr hat das Dorf Kupovate einen bekommen. Fünf Prozent von den verkauften T-Shirts, Tassen und Magneten mit lustigen Sprüchen und dem schwarz-gelben Warnschild kommen ebenfalls den Einheimischen zugute. Dominik zählt weiter auf: „Um sie mit weiteren Einnahmen zu unterstützen, haben wir auch ein Festival ins Leben gerufen.“ Zu Weihnachten werden Decken oder Kleidung geschenkt. So profitiere jeder vom Tourismus.

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Natur im Sperrgebiet

Tschernobyl und die Strahlung

Die Strahlendosis hält sich bei den Tagesausflügen in Grenzen und ist vergleichbar mit einem Acht-Stunden-Flug. Lange Hosen und Ärmel sind Pflicht. Das Militär kontrolliert sowohl bei der Einreise als auch bei der Ausreise die Strahlenwerte jeder Person. Ein Geigerzähler ist immer dabei. Die Gefahr streitet niemand ab. Deshalb meiden Guides und Einheimische verstrahlte Hotspots wie bestimmte Waldstücke oder den Krankenhauskeller in Pripjat. Dort liegt die Strahlung weit über 30 Mikrosievert. Ein normaler Strahlenwert liegt zum Vergleich in Berlin um die 0,5, in Kiew an die 0,3 Mikrosievert. Ab 10 beginnt das Gerät alarmierend zu piepsen.

Allerdings tritt die Strahlung punktuell auf, haftet sich an Gegenstände und den Boden. Jedes Jahr rückt sie im Schnitt einen Zentimeter tiefer in die Erde. Nach dem Super-GAU wurden die Straßen gewaschen und zum Teil neuer Asphalt aufgetragen. Daher ist hier die Strahlung relativ ungefährlich. Ein paar Meter weiter, in der Wiese können die Werte wieder nach oben schnellen. Unsichtbar und schwer einschätzbar.

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Zukunftspläne für Chernobyl

Eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Traurigkeit, Abenteuerlust, Begeisterung und Neugierde wechseln sich ab. Alles ist noch so wie vor drei Jahrzehnten. Familienbilder an der Wand, der gedeckte Tisch, die Puppen im Kinderzimmer. Eine Zeitreise in die Sowjetunion. Die Geschichte und das Verfallene faszinieren. Aber offiziell dürfen die Räume in der Geisterstadt Pripjat seit 2012 nicht mehr betreten werden. Tagestouristen spazieren durch verwachsene Straßen, nicht durch marode Häuser. Kein Veranstalter will nämlich das Risiko eingehen, seine Lizenz und damit eine lukrative Einnahmequelle zu verlieren. Jetzt überlegt die Regierung einzelne Gebäude zu renovieren, um als Art Freilichtmuseum für die Besucher attraktiv zu bleiben.

Die einst geheime Radaranlage Duga soll in eine riesige Solarstromanlage verwandelt werden und die Wälder weiter als Naturschutzgebiet erhalten bleiben. Bären, Füchse, Wölfe sowie Hirsche haben das Territorium zurückerobert und sich überraschend schnell an das Leben mit der Strahlung angepasst. Genauso wie Evdokija.

Tourismus, Ökostrom und Wildlife sollen die Zukunft von Tschernobyl sein. Bis es soweit ist, gibt es allerdings noch viel zu tun in der Sperrzone.

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Bei der Tour in Tschernobyl immer dabei

Das solltest du über Strahlung wissen

  • Alpha-Strahlung kann von außen nicht in den Körper eindringen und zum Beispiel durch Kleidung abgeschirmt werden. Aber gelangen die radioaktiven Stoffe mit der Atemluft in die Lunge oder durch das Essen in den Körper, sind sie um ein Vielfaches gefährlicher als alle anderen Strahlenarten.
  • Beta-Strahlung kann nur oberflächlich in den Körper eindringen und führt zum Beispiel zu Verbrennungen. Durch dünnes Eisen- oder Aluminiumblech kann sie abgeschirmt werden.
  • Gamma-Strahlung kommt in der Luft sehr weit und kann nur durch meterdicke Betonblöcke oder Blei abgeschirmt werden.
  • Pro Jahr nehmen die Österreicher rund zwei Millisievert natürliche Strahlendosis auf. Für Langzeitfolgen gilt, wenn der Wert über 100 Millisievert über die Alltagsstrahlung hinaus geht, erhöht sich das Krebsrisiko um 0,5 Prozent. Eine Strahlung von 200 Millisievert binnen weniger Stunden bewirkt Veränderungen im Blut, ab 1000 Millisievert setzen Übelkeit, Erbrechen und Fieber ein. Ab 4500 Millisievert binnen weniger Stunden kommt es bei der Hälfte aller Fälle zum Tod. Quelle: Zivilschutzverband Österreich.
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Stadtrand von Pripjat

Tschernobyl-Tourismus: Touren in die Sperrzone

Touren: Einreise in die Sperrzone auf eigene Faust nicht möglich. Inzwischen gibt es einige lizenzierte Touranbieter, die sich auch bemühen Geschichte und Hintergründe zu vermitteln. Die Tagestrips starten in Kiew und sind ab 90 Euro buchbar, private Touren ab 119 Euro. www.chernobylwel.com/DE/.
Merchandising und Souvenirs: https://radioproactive.me/

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Fahne bei der Waldfeuerwehr im Sperrgebiet

Der Artikel erschien erstmalig 2018 im Magazin Lebensart. Aufgrund der aktuellen Diskussion um Dark Tourism, dem Hype um lost places und der HBO-Serie Chernobyl habe ich mich entschlossen, den Beitrag auch hier auf meinem Blog zu veröffentlichen. Im Sommer werde ich dazu auch noch ein paar andere Eindrücke unserer Tour nach Tschernobyl online stellen. Wenn du dich mehr für dark tourism und lost place interessierst, findest du auf meinem Blog einige Beiträge dazu.

Dieser Beitrag ist außerdem Teil der Blogparade zum schwarzen Tourismus von Michelle/The Road Most Traveled

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Fotos: Anita Arneitz & Matthias Eichinger

1 Comment

  1. Pingback: Blogparade: Schwarzer Tourismus – The Road Most Traveled

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