Gipfelblicke im Grenzland: Wandern zwischen Österreich und Italien

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Nach Lust und Laune wandern zwischen Österreich und Italien – ohne Reisepass und Zollformalitäten, aber dafür mit ganz viel Geschichte(n).

Schnell einmal zum Grenzgänger werden Wanderer auf dem Nassfeld: Die Passhöhe mit über 1500 Metern Seehöhe teilen sich Österreich und Italien. Viele Jahre war es nicht möglich in der Grenzregion nach Lust und Laune ohne entsprechende Zollformalitäten und Reisepass zwischen den Ländern zu wandeln. Heute ist das dank dem Schengener Abkommen kein Problem mehr. Die Grenzen sind offen und laden dazu ein, einen Abstecher zum Nachbarn zu machen und das Beste der österreichischen und italienischen Kultur zu genießen. Durch zahlreiche Investitionen in den vergangenen Jahren weist das Nassfeld als Wanderregion eine Top-Infrastruktur auf: Mittlerweile gibt es mehr als 1000 Kilometer markierte Wanderwege, zwei Weitwanderwege, zahlreiche Themenrundgänge, Seilbahnen, die einem bequem auf die umliegenden Almen bringen und 25 bewirtschaftete Almhütten, die kärntnerische Schmankerln und italienische Spezialitäten auftischen.

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Geschichte erwandern

Ein Erlebnis sind die geführten Wanderungen mit dem Kärntner Bergwanderführer Erich Glantschnig. Er kennt das Gebiet wie seine Westentasche und erzählt unterwegs immer wieder Anekdoten. Bei einer grenzüberschreitenden Wanderung starten wir mit ihm von der Rattendorfer Alm in Richtung Schneid. Dort angekommen überschreiten wir die Staatsgrenze. Nicht nur für seine mitwandernden Schützlinge, sondern auch für ihn selbst ist es immer wieder ein spannend, unterwegs auf einen strahlend weißen Grenzstein zu stoßen. Er zeigt nach unten und erklärt: „Diese wurden bei der Grenzziehung 1920 gesetzt und der Grenzverlauf ist darin eingraviert.“ Das ist der Moment, in dem jedem bewusst wird, das eine Bein gerade auf das Nachbarland gestellt zu haben, während das zweite nach wie vor „Zuhause“ oder eben in Österreich steht. Solche Grenzerfahrungen sind am Nassfeld und in seiner Umgebung seit Jahrzehnten ein großes Thema. Die grenzüberschreitenden Wanderungen sind intensiv mit dem Ersten Weltkrieg verbunden. „Hier entlang verlief ab Mai 1915 im Gebirgskrieg an der Grenze des Kronlandes Kärnten auf 115 Kilometern die Karnische Front“, erzählt Erich. Zeugen aus dieser Zeit in Form von erhaltenen Kavernen oder Stollen begegnen dem Wanderer auf Schritt und Tritt. Damit die Geschichte nicht vergessen wird, engagieren sich seit 1983 die Dolomitenfreunde am Plöckenpass für die Erhaltung der historischen Stätten.

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Spuren des Krieges

In Kötschach-Mauthen wurde im Rathaus ein eigenes Museum eingerichtet, dass den Besuchern anschaulich und auf moderne Art die Geschehnisse von 1915 bis 1918 näher bringt. 2015 wird zusätzlich auch die Sonderausstellung „Kunst im Krieg – Krieg in der Kunst“ gezeigt. Ergänzend zum Museum können Interessierte kostenlos die Freilichtmuseen auf den umliegenden Bergen besuchen oder die Friedenswege abgehen. Auf dem Plöckenpass ist zum Beispiel eine Maschinengewehr-Nase, Stollen und alte Seilbahnen zu sehen. Ganz in der Nähe, auf dem Kleinen Pal wurden rund 50 historische Gebäude wieder begehbar gemacht worden und zeigen, wie die italienischen Stellungen am Gipfel aussahen. Wir folgen aber Erich weiter über den Lanzenboden in Richtung Lanzenpass, wo den Fuß des Monte Zermula erreichen. Bei einer zünftigen italienischen Jause macht Erich Gusto auf die nächste Tour: „Ein Geheimtipp meinerseits ist die Wanderung auf den Monte Malvueric alto, also den Malurch. Dieser ist von der Winkelalm unmittelbar unterhalb des Nassfeldpasses erreichbar.“ Und was gibt es dort zu sehen? „Kriegsgeschichte pur und Alpenflora der Extraklasse“, antwortet Erich.

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Gleich und doch anders

Mit der Alpenflora hat er recht, der Erich. Denn die Karnischen Alpen zeichnen sich durch eine üppig wachsende Flora aus. So wächst die weltberühmte Blume „Wulfenia carinthiaca“ nur am Nassfeld. „Nicht nur sie ist ein Garant, dass kein Wanderer mit einer leeren Foto-Speicherkarte den Tag beendet“, sagt Erich. Er ist das beste Beispiel: Bei jeder Tour knipst er Fotos. Zwischen 15 und 25 davon werden sogar auf Papier ausgearbeitet, in einen Ordner eingeklebt und mit einer Tourengeschichte versehen. Seine älteste Foto-CD ist 15 Jahre alt, aktuell umfasst sein Archiv mehr als 103.000 Fotos. Der Großteil davon stammt aus den Karnischen Alpen. „Die Einzigartigkeit der Karnischen Alpen macht sie auch bei Geologen besonders beliebt.“ Immer wieder wird in den Bergen zu unterschiedlichsten Themen geforscht. Zahlreiche, erwanderbare Trails informieren über die Geologie. „Zwar unterscheiden sich die Bergregionen auf der italienischen Seite von ihrer Struktur her nur unwesentlich von unserer, aber etwas macht sich doch bemerkbar: Das mediterrane Klima“, weiß Erich. Das spüre man nicht nur am eigenen Körper, weil es in den Höhen wärmer ist, sondern zeige sich auch in der Vegetation, die ständig für neue Fotomotive sorgt.

Wandern mit Weitblick

Die Tipps aus erster Hand sind ein Vorteil, wenn man mit einem Bergwanderführer unterwegs ist. „Die Bergwelt birgt einerseits eine Fülle von Schönheiten, andererseits aber auch mehr als eine Handvoll Gefahren. Bei einem Bergwanderführer ist man sicher und gut aufgehoben.“ Denn neben einer zuverlässigen und detaillierten Planung sorgen die Bergwanderführer auch für einen reibungslosen Ablauf mit Charme, Begeisterung und stimmigen Gesprächen. „Im Vordergrund steht ganz klar das Ziel, dem Gast die Möglichkeit zu geben, das gemeinsame Bergerlebnis entspannt und intensiv genießen zu können. Und diese dann als bleibende Erinnerung mitzunehmen“, findet Erich. Welche Erinnerungen er niemals vergisst, verrät er, als wir ganz oben ankommen: „Es sind die umfassenden Gipfelblicke. Und ein besonderes Geschenk ist bei klarem Wetter der Blick hinunter bis auf die Wellen der oberen Adria.“

Fotos: Erich Glantschnig

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  1. Pingback: Stippvisite im Franz Ferdinand Hotel am Nassfeld - Reiseblog | Anita auf Reisen

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