Kreative Schreibwerkstätte in Ossiach: Ein Erfahrungsbericht von Angelika Komposch

Hier erzähle ich euch von meinen Erlebnissen der 3-tägigen kreativen Schreibwerkstätte. Welche Zweifel ich anfangs hatte, was es bei mir ausgelöst hat und wie viel ich schlussendlich nicht nur über Textarten, sondern auch über mich persönlich gelernt habe. Ein Gastbeitrag von Angelika Komposch.

Die Angst vorm leeren Blatt Papier und wie ich sie in der Schreibwerkstätte in Ossiach überwunden habe

 

Als Anita mir von ihrer kreativen Schreibwerkstätte erzählte, war ich hin und her gerissen: Sollte ich oder sollte ich nicht? Was erwartet mich da? Ich google “kreatives Schreiben”, lese den Wikipedia-Eintrag durch und erfahre, dass es erlernbar ist! Schau ma amol…

Freewriting

Am Freitag um 9 Uhr geht’s los. Bevor wir eintauchen in die Welt des kreativen Schreibens, bekommen wir gleich die erste Aufgabe: 10 Minuten “Freewriting”. Diese Übung kenne ich schon aus einem früheren Kurs von Anita. Die Übung ist leicht. Hier geht es nicht darum einen lesbaren Text zu schreiben, sondern einfach drauf los zu schreiben. Den Stift ansetzen und fließen lassen. Wort für Wort, Satz für Satz, Punkt. Nur den Gedanken aufs Papier schreiben, der einem gerade in den Sinn kommt. Und wenn zur Überbrückung zweier Gedanken fünf Mal dasselbe Wort niedergeschrieben wird. Egal. Nur nicht den Stift absetzen.

Buchstabentexte

Die nächste Übung ist schon anspruchsvoller. Anita lässt uns jeweils 2 Buchstaben des Alphabets aussuchen. 2 Buchstaben, 2 Aufgaben. Die erste Übung: Suche einen Buchstaben aus und schreibe damit einen Text. Nicht irgendeinen Text, sondern jedes einzelne Wort soll mit diesem einen Buchstaben beginnen. Meine Gehirnwindungen verknoten sich. Wie viele Wörter mit “S” fallen spontan ein? Versucht es einmal!

Eine gute Hilfe ist, dass man sich wirklich einige Wörter aus jeder Wortart aufschreibt. Bei mir waren es vielleicht vier Sätze, die ich schrieb. Danach fiel mir partout nichts mehr ein. Nichtsdestotrotz hat es doch ein Teilnehmer geschafft mit seinem “F” eine wirklich gute Geschichte zu schreiben. Mein erster “BOAH”-Moment. Kaum zu glauben, in welch kurzer Zeit er es geschafft hat. Falls er diesen Artikel liest – vielleicht schickt er ihn mir ja und ich darf ihn hier auch veröffentlichen?

Die 2. Übung: Im Text darf der 2. Buchstabe gar nicht vorkommen. Nicht am Anfang, in der Mitte oder am Ende. Das ging gut, denn ich hatte als zweiten Buchstaben das “J” gewählt. Leider oder Gott sei Dank musste ich schon vor der Mittagspause nach Klagenfurt. Für den ersten Tag haben mir die paar Stunden gereicht. Am Abend war ich fix und fertig und wusste nicht ob ich mich am nächsten Tag wieder der Herausforderung stelle?

Schreiben ist anstrengend. Von lustig keine Spur. Soll ich oder soll ich nicht weitermachen?

Augen zu und durch. Samstag bin ich natürlich wieder nach Ossiach. Da es so schön war, bin ich etwas früher dran um mich einzustimmen. Neuer Tag, neue Teilnehmer, neue Herausforderung.

Schreibwerkstätte Ossiach, Foto Angelika Komposch
Am Ossiacher See nahe der Schiffsanlegestelle beim Stift Ossiach. Foto: Angelika Komposch

Habt ihr von euch selbst schon einmal eine Gebrauchsanleitung geschrieben?

Das ist definitiv eine Vorstellungsrunde der anderen Art. Und lustig. Anita hat dazu ein paar Anregungen, die uns die Aufgabe erleichtern. Nicht das einer von euch meint, wir haben für diese Übungen unendlich viel Zeit. Nein. Die Aufgaben mussten wir in einem zeitlichen Rahmen ausführen. Manchmal waren es 15 Minuten, dann 30, aber maximal eine bis eineinhalb Stunden. Aber auch nur dann, wenn wir die Mittagspause verkürzten. Das heißt auch, viel Zeit zu überlegen hatten wir nicht. Stift ansetzen und schreiben!

“Was wollte ich schon immer übers Schreiben wissen?”

Eine Aufgabe, die jeder jedem schriftlich beantwortet hat. Wir sollten 10 Fragen aufschreiben, das Blatt ging reihum und all die anderen beantworten diese. Ich erhielt einige Antworten, die ich schon immer wissen wollte und die mir in meiner täglichen Arbeit sehr weiterhelfen.

Eine meiner 10 Fragen: Wie beginne ich einen Text? Was, wenn ich einfach nicht in den Fluss komme?  Und das sind die Antworten, die ich darauf bekam:

  • Ohne Gedanken schreiben.
  • Los schreiben. Egal was.
  • Wenn der Anfang schwer fällt, ihn in ein paar Stichworten umschreiben, auch wenn es nur nebulös ist und am Schluss erst ausformulieren.
  • Wenn du ein “Sprechmensch” bist, laut vor dich hinreden oder singen. Oder das ganze aufnehmen. Das Gesprochene ist fließender…
  • Irgendwo den ersten Satz klauen, wenn es für den Anfang notwendig ist. Und danach wieder streichen.

Stilles Schreiben

Samstag nach dem Mittagessen erhielten wir den Schreibauftrag uns ein schönes Plätzchen rund um das Stift zu suchen. “Stilles Schreiben” stand am Programm.

“Suche dir einen ruhigen Ort und lass dir Zeit, die Stille auf dich wirken zu lassen. Achte auf jedes noch so zarte Geräusch und dann schreibe deinen Text.”

Das fiel mir zu Anfang sehr schwer. Ich ging vom Innenhof des Stifts durch diesen Torbogen, von dem man einen herrlichen Blick auf die Bootsanlegestelle hat. Nur diese Fahne im Blumenrabattl vorm Stift störte etwas. Mein erster Gedanke, ich wollte mich auf die Bank beim Bootshaus setzen. Besetzt. Dann ging ich die Stufen zum Friedhof hinauf. Besetzt. Dieses Platzerl hat sich schon Claudia ausgesucht.

Schreibwerkstätte Ossiach, Foto Angelika Komposch
Claudia auf der obersten Stufe zum Friedhof im Stift Ossiach

Wieder durch den Innenhof, durch den Torbogen – und schon wieder störte mich diese Fahne. Sie verdeckt den Blick auf den See. Ich stand da, sah sie wie sie sich mit dem Wind bewegte und mir fiel der erste Satz zu meinem Text ein. Ich setze mich in den Gastgarten, nahe der Fahne und fing zu schreiben an.

Schreibwerkstätte Ossiach, Foto dolomit24.com
Barbara hat mir nach Tagen dieses Foto geschickt. Ich sitze im Gastgarten vorm Stift Ossiach und schreibe.

“Ich steh hier ganz still und beweg mich nur, wie der Wind es will.”

Schreibwerkstätte Ossiach, Foto Angelika Komposch

Ich höre die Eule, die in der Linde am See sitzt und ruft: “Ruuhhh, ruuhhh” – sie spricht mir aus der Seele… Das war der Moment, an dem mir das Licht aufging. Ich wollte mir so viel von der Seele schreiben. Es gibt Erlebnisse und Gefühle, die ich niemandem erzähle. Die behalte ich nur für mich. Ich schrieb eine Stunde, ohne den Kuli abzusetzen. Nur um mir die Tränen abzuwischen, legte ich ihn aus der Hand. So traurig der Text auch war, so befreiend, erlösend und schön war er zugleich. Schön, weil ich mir alles von der Seele schreiben konnte. Einfach so. Diese Möglichkeit hat mir die kreative Schreibwerkstätte von Anita gezeigt. DANKE dafür! Ab jetzt wollte ich mehr. Mehr vom kreativen Schreiben. Dieser Samstag, mein 2. Tag in der kreativen Schreibwerkstätte hat bei mir vieles ausgelöst… An dem Tag hab ich geweint, aber noch viel mehr haben wir in der Gruppe gelacht. Mittlerweile konnte ich den dritten und letzten Tag kaum mehr erwarten. Ich war voller Vorfreude. Kaum zu glauben – ich wollte doch tatsächlich freiwillig schreiben.

Kreative Schreibwerkstätte Tag 3

Am Sonntag waren wir eine kleine Gruppe. In meinen kühnsten Träumen hätte ich es mir nie vorstellen können: Ich habe doch tatsächlich ein Märchen geschrieben. Dieses hab ich leider noch nicht überarbeitet. Aber nachdem einige gefragt haben, ob sie es lesen dürfen, werde ich es nachholen. Wenn ihr wollt, update ich den Blogartikel mit meinem Märchen “Der schwarze Schwan”.

Eine Bitte hätte ich aber: wie soll der schwarze Schwan heißen? Mir fiel in der Kürze der Zeit kein passender Name ein. Etwas verrate ich noch: die kleine Freundin des schwarzen Schwans ist eine Ente namens Esmeralda. Also, her mit euren Vorschlägen :)

Was ich aus der kreativen Schreibwerkstätte mitnehme:

Ich bin begeistert von Anitas kreativer Schreibwerkstätte, und wenn es zeitlich passt, bin ich auf alle Fälle wieder dabei. Diese 3 Tage haben mir mittlerweile auch extrem viel bei meiner täglichen Arbeit geholfen. Mir wurde bewusst, dass ich nur den Stift ansetzen muss um drauf los zu schreiben. Ich schreibe gerne mit der Hand, also hab ich mir ein dickes, liniertes Buch gekauft. Diesen Blogartikel habe ich in zwei Stunden per Hand bei der lieben Barbara in Osttirol geschrieben. Konnte es selbst nicht glauben. Ich tippe es ab und musste kaum mehr am Text feilen. Diese Methode habe ich auch beruflich angewendet – ich schreibe es zuerst in mein Buch, und übertrage es dann. Für viele hört sich das jetzt nach Zeitverschwendung an. Ist es aber nicht. Vielmehr ist es für den Anfang eine gute Strategie. So überlege ich nicht lange und hab gleich etwas am Papier stehen. Noch ein Bonus, meine Handschrift wird wieder schöner ;)

Last, but not least: Das kreative Schreiben ist für mich wie das Malen – eine Art mich auszudrücken, eine Meditation, an nichts anderes denken, sich nur der einen Sache widmen. Es muss nicht perfekt sein und es muss niemand bewerten. Ich mache das für mich.

Ich kann es euch nur ans Herz legen – probiert es aus!

Anita beantwortete jede Frage, gab viele Schreibtipps. Am meisten hat mich aber die Gruppe inspiriert. So viele unterschiedliche Charaktere, Ideen und Texte. Und die liebe Eva hat mir zwei ihrer Gedichte geschickt um sie hier zu veröffentlichen.

Die Aufgabe: schreibe ein Parallelgedicht. Alle anderen haben sich an das Gedicht inhaltlich gehalten. Eva gingen andere Gedanken durch den Kopf und sie hatte Gusto auf ein Rindsgulasch…

Fettes Rindsgulasch

Lass mich heute kochen ein fettes Rindsgulasch
für diejenigen, die Aufgewärmtes lieben.
Der Tag vergeht, die Suppe wallt,
die Meute kommt um sieben.

Midlifecrisis

Die Brust hängt schlaff und knittrig,
die Haut Krampfadernetze trägt faltenschwer.
Die Stimme klingt ganz zittrig:
Ein Lifting muss jetzt her.

Kein Geistesblitz durchfährt das Hirn mehr gleißend hell,
kein Schimmer, nichts wird dir bewusst.
Und Spritzen stechen in die Lippen,
Botox verscheuchet allen Frust.

© Eva Brislinger | www.geschrieben.at

Und nun noch ein paar Eindrücke von der kreativen Schreibwerkstätte und rund um das Stift Ossiach:

Kreative Schreibwerkstätte Stift Ossiach, Foto Angelika Komposch
Blick auf den Ossiacher See.
Kreative Schreibwerkstätte Stift Ossiach, Foto Angelika Komposch
Schreiben im Park.
Kreative Schreibwerkstätte Stift Ossiach, Foto Angelika Komposch
Inspiration von der Musikharfe.
Kreative Schreibwerkstätte Stift Ossiach, Foto Angelika Komposch
Nachwuchs beobachten.
Kreative Schreibwerkstätte Stift Ossiach, Foto Angelika Komposch
Slow trail, slow writing in Ossiach.

Du willst auch kreativ schreiben?

Die Schreibwerkstätte in Ossiach organisiert Anita jedes Jahr im Juli. Der nächste kreative Schreibtag ist am Samstag, 6. Oktober von 9 bis 17 Uhr im Stift St. Paul im Lavanttal. Infos dazu gibt es auf www.anitaarneitz.at.

Heiß auf Schreibtipps? Wollt ihr mehr über das kreative Schreiben und die Schreibwerkstätten von Anita auf Reisen wissen? Hier gibt es zusätzlichen Lesestoff:

Auch Angelika Mandler-Saul vom Reiseblog wiederunterwegs hat ihre Erfahrungen aus der Schreibwerkstätte in Ossiach geteilt. Danke!

 

Postkarten schreiben aus dem Urlaub: Welcher Schreibtyp bist du?

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Folx TV Interaktiv: Gespräch über das Schreiben von Büchern

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