In jedem steckt eine Geschichte

Ferienzeit bedeutet für viele auch Schreibzeit – Urlaubserinnerungen festhalten, Postkarten nach Hause schicken oder endlich an seinem eigenen Schreibprojekt weiterarbeiten. Über die Faszination und Facetten des Creative Writings aus der Sicht einer Vielschreiberin, inklusive jede Menge praktische Schreibtipps für den Alltag.

Hilfe hol mich hier raus!

Die Stimme weckt mich mitten in der Nacht. Es ist an der Zeit. Genervt schmeiße ich die Decke von mir und versuche in der Dunkelheit, ohne blaue Flecke einzufangen, mich zu Stift und Papier vorzutasten. Manchmal geht es einfach nicht anders. Hunderte Ideen und Geschichten düsen mit Ultraschallgeschwindigkeit durch meinen Kopf. Die meiste Zeit kann ich sie in Bahnen halten, aber irgendwann müssen sie raus. Es herrscht erst Ruhe in den Gedanken, wenn sie irgendwo festhalten sind. Das Schreiben ist wie die Büchse der Pandora: ein schönes Übel. Einmal geöffnet wollen Körper, Geist und Seele immer mehr davon. Manche sagen es ist wie eine Sucht, andere sprechen von wahrer Leidenschaft. Das ist wohl der Hauptgrund, warum viele schreiben – weil es Freude macht und unheimlich gut tut. Vorausgesetzt man hat ein dickes Fell und nimmt sich negative Schreiberlebnisse aus der Vergangenheit nicht allzu sehr zu Herzen.

Schreiben Anita Arneitz Wien

Die Welt der Schreiberei ist groß und bietet für jeden Platz

Für mich gibt es kein richtig oder falsch, kein gut oder schlecht. Texte sprechen mich an, unterhalten mich – oder eben nicht. Vieles ist Geschmackssache. Jeder hat seinen eigenen Stil und seine eigenen Vorlieben. Ich liebe Journalistisches und erzähle am Geschichten aus dem Leben. Was aber nicht heißt, dass ich keinen einen Ausflug in andere Gefilde der Schreiberei wage. Und so soll schreiben sein: frei, inspirierend, experimentierfreudig und neugierig.

Schreiben über sich selbst

Das Ausbrechen aus gewohnten Mustern ist ein weiterer Grund fürs Schreiben. Mit dem Schreiben können wir unsere Persönlichkeit weiterentwickeln und immer wieder Neues lernen. Wir können uns damit bis zu einem gewissen Grad sogar „heilen“. Viele Menschen beginnen mit dem Schreiben, um bestimmte Erlebnisse zu verarbeiten, seien es Krankheit, Schicksalsschläge, Wut oder Trauer. Beim Verfassen ihrer eigenen Geschichten lösen sie sich von Negativem. Sie schreiben sich die Dinge von der Seele. Die meisten kommen über dieses Motiv zum kreativen Schreiben oder in einen Workshop. Dann merken sie, es macht auch Spaß über ganz andere Sachen zu sprechen und begeistern sich plötzlich für Kurzgeschichten oder Rondells. Sie entdecken das Schreiben als Hobby, vergnüglichen Zeitvertreib, Entspannungstechnik oder sogar Burn-out-Prävention. Die Büchse der Pandora ist geöffnet – die Geschichten im Kopf beginnen zu kreisen.

Schreiben Harkam Weingartenhotel Sulmtal-SausalNicht ohne Stift und Pinsel – ein ganzes Leben lang

Malen und kreatives Schreiben sind grundlegend für die Menschen. Das sage nicht nur ich, sondern auch die Wissenschaftler von der Universität in Erlangen-Nürnberg. Sie haben untersucht, warum Menschen zu Stift und Pinsel greifen. In der Kindheit leisten Malen und Schreiben einen Beitrag zur Entwicklung von Sprache und Wahrnehmung, fördert Fantasie und Selbsttätigkeit, eröffnet den Zugang zu Kunst und Literatur. Klar gilt das auch für andere Lebensphasen, aber in der Kindheit ist es doch stärker prägend. Jugendliche erleben durch das Malen und Schreiben, sofern es ohne Zwang erfolgt, Kreativitätsschübe – es hilft ihnen bei der Suche nach der eigenen Identität.

Leider nehmen die kreativen Betätigungen danach häufig ab. Dabei sind Malen und Schreiben laut der Wissenschaftler ein wichtiger Ausgleich zu den Anforderungen in Beruf und Familie. Sehr oft gewinnen die kreativen Hobbys erst wieder in der Pension an Stellenwert. Plötzlich macht man wieder etwas, dass man schon als Kind gerne gemacht hat – Geschichten erzählen oder Gedichte schreiben zum Beispiel. Das zeigt, kreatives Schreiben hat für die Menschen von der Kindheit bis hin ins hohe Alter eine essenzielle Bedeutung. Nur geben wir dem oft nicht den Raum. Wir gönnen uns viel zu selten Zeit für uns selbst.

Bye, bye ihr Ängste und Zweifel

Hilfe hol mich hier raus! Kann ich das so hinschreiben? Was werden die anderen darüber denken? Ich kann aber nicht so schreiben wie Goethe! Warum ein Buch schreiben, es gibt doch bereits so viele! Und überhaupt wurde nicht eh schon alles einmal geschrieben?

Willkommen im Club der inneren Dämonen. Als Autor muss man sich dem Kampf stellen und gegen die inneren (manchmal auch den äußeren) Kritiker sowie Perfektionisten antreten. Wenn sie gewinnen, wird es nichts mit dem Schreiben. Sie verjagen die Muse und kreativen Ideen. Deshalb muss man lernen, mit ihnen umzugehen.

Schreiben Istrien

Am Beginn müssen sie ruhig gestellt werden, am Ende dürfen sie ein bisschen bei der der Überarbeitung drein reden. Ich halte mich da an meine Lieblingsschreibmentorin Natalie Goldberg, Autorin „Writing Down The Bones: Freeing The Writer Within.“ Nur wer sich als Autor zugesteht, den größten Mist der Menschheit nieder zuschreiben, ist wirklich frei beim Schreiben. Sich mit anderen zu vergleichen, ist der größte Fehler, den man machen kann. Besser ist es, den eigenen Weg zu gehen.

Unterwegs kommt der Mut alleine auf einem zu und man traut sich Feedback einzuholen – in einem Workshop, bei einem Wettbewerb oder Coaching. Das ist der Moment, wo man beginnt, ein Gespür für das Ankommen der Texte zu entwickeln. Jeder Text, jede Geschichte, jede Persönlichkeit gewinnt durch konstruktives Feedback. Nur sind wir darin noch recht ungeübt und manchmal wird durch unseriöses Feedback die Schreiblust getötet. Das ist schade. Deshalb machen wir einen kleinen Ausflug in das ungeliebte Land der Textüberarbeitung. 

Gedanken zum Wirken der Worte: die Schreibtipps

Hilfe hol mich hier raus – auch wenn ich noch nicht perfekt bin!“

Wir haben die Wortwahl – und machen zu wenig Gebrauch davon. Tausende Worte werden am Tag, in der Woche, im Monat gesprochen. Aber wie viele davon haben Gewicht? Wie viele wirken, wie sie sollen? Und welche kommen wirklich an? Wer sich diesen Fragen stellt, macht sich Gedanken über den eigenen Wortschatz, trennt sich vom Wortmüll, der sich im Laufe der Zeit ansammelt, und schafft Raum für eine klare Kommunikation. Ohne Bürokratendeutsch, Blabla und Umschweife. Direkt auf den Punkt gebracht. Verständlich. Einfach. Schreiben Sie Texte mit kurzen Sätzen, konkreten Wörtern, aktiv und positiv. Achten Sie auf logische Gedankengänge, aufeinander aufbauende Informationen und aussagekräftige Überschriften.

Benutzen Sie Wörter, die Ihre Leser verstehen. Holen Sie den Leser mit Vertrautem ab. Nehmen Sie ihn mit auf eine abwechslungsreiche Reise. Zeigen Sie ihm detaillierte Bilder, ohne gleich schnulzig zu werden. Das mögen die meisten Leser. Texte, die so geschrieben sind, wirken auf Anhieb sympathisch. Mit ihnen lässt sich Geld verdienen, wenn sie gleichzeitig Spannendes erzählen.

Das Beste zum Schluss

Streichen macht Texte stark – und manchmal auch scharf! Aber denken Sie auch daran: Jeder Autor ist für seinen Text selbst verantwortlich, er darf alles und muss nichts.

Ich kann Feedback annehmen oder nicht. Für mich oder für andere schreiben. Aus Spaß an der Sache oder weil ich es muss. Gerade Autoren sollten ein Vorbild für Toleranz und Offenheit sein. Wäre doch langweilig, wenn jeder gleich schreiben würde. Deshalb lassen wir die Vielfalt hochleben und lassen sie raus, unsere Geschichten.

Anita Arneitz Schreibworkshop Schreiben

 

PS. Wer jetzt auch Lust hat auf Schreiben, schnappt sich gleich einen Stift und beginnt. Oder kommt zum nächsten Schreibworkshop.

Fotos: Anita Arneitz, Heinz Zitta

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