Dark Tourism in Wien: Gruselig-schaurige Erlebnisse

Wo selbst Wiener Gänsehaut bekommen – Dark Tourism in Wien. Alternative Sehenswürdigkeiten und abwegige Touren durch die Stadt. Ein multimediales Dossier macht Lust auf düstere Entdeckungen und einen neuen Blick auf die Stadt.

Gruseltouren, Foltermuseum und Zentralfriedhof: So gruselig ist Dark Tourism in Wien

 

Es war das Grausigste, das ich je erlebt habe. Teresa über das Foltermuseum

Beinschrauben im dämmrigen Licht. Puppen präsentiert mit Flüstern und Knarren. Ein Museumsführer mit langem, schwarzen Mantel. Das Wiener Foltermuseum ist nichts für schwache Nerven und schon gar keine Attraktion, die Teresa freiwillig im Urlaub besuchen würde. Ganz anders sieht das Katharina: „Die Einblicke in die mittelalterliche Rechtsgeschichte und all diese Folterinstrumente – das ist interessant und lehrreich. Fürchten muss sich hier niemand.“

In einem ehemaligen Luftschutzbunker aus dem 2. Weltkrieg, direkt neben einem Flakturm befindet sich das Wiener Foltermuseum. Vergleichen mit Londoner oder Hamburger Dungeon hält es in Sachen Gruselerlebnis und Gänsehaut nicht unbedingt Stand, dennoch findet sich hier ein guter Überblick über Rechtsgeschichte, Folterwerkzeuge und die Grausamkeiten des Mittelalters.

Bei tripadvisor rangiert das Museum auf Platz 507 von 712 Aktivitäten in Wien, neben „Geisterbahn für Arme“ heißt es hier auch „Hinschauen statt wegschauen“ oder „Aus der Geschichte lernen“. Und das kann man auch: von Bäckerschupfen bis Sieden im Kessel sind sämtliche Folterszenarien mit Puppen nachgestellt, Beinschrauben, Schandflöte und Brandeisen lassen einen Schaudern. Die Eiserne Jungfrau möchte niemand ausprobieren, auch die „Tortur 3. Grades durch Streckung“ klingt wenig angenehm. Geschichten wie jene von legendären Henkerdynastien oder der einzigen Hexenbrennung in Wien – Elisabeth Plainacher im Jahr 1583 – bleiben ebenso im Gedächtnis, wie die Tatsache, dass die Mundbirne auch nach Abschaffung der Folter im Jahr 1776 noch mehr als 100 Jahre  bei tobenden Gefangenen zum Einsatz kam.

Geschmäcker sind verschieden. Das Gruseln auch.

Für den einen wirkt die Umgebung des Luftschutzbunkers beengend, bei dem anderen verursacht das Rabenkrächzen vom Band Gänsehaut und wieder andere können einfach nicht aufhören zu kichern. Jedes Verhalten hat seine Berechtigung. Schließlich ist Angst ein individuelles Gefühl. Was dabei in einem Menschen passiert und wie am besten mit einer eigenen Furcht umgegangen werden kann, erklärt die Klinische und Gesundheitspyschologin Christina Beran im Video.

Der PODCAST zu Dark Tourism in Wien

Update: Die Seite dark.wien siedelt mit Ende des Jahres 2019 auf meinen Reiseblog. Hier findet ihr weiterhin alle Informationen, Tipps und Podcasts über Dark Tourism in Wien.

Einheimische und Touristen erkunden immer öfter die Abgründe und nicht so schönen Plätze einer Stadt – ein Phänomen, das häufig unter dem Begriff dark tourism zusammengefasst wird. Ein Ausflug nach Alcatraz. Eine Tour durch den Slum. Ein Selfie vor dem Atomkraftwerk. Immer mehr Menschen suchen nach alternativen Reiseerlebnissen. Sie möchten einen Ort authentisch erleben. Selbst wenn dieser etwas düster ist. Und inzwischen ist „dark tourism“ auch in Wien angekommen.

Was ist Dark Tourism in Wien?

Verlassene Orte. Hässliche Häuser. Unheimliche Plätze. Makabre Ausstellungen. Wien hat viele dunkle Seiten, die längst nicht im Verborgenen bleiben. Das Verlangen nach Besichtigungstouren der etwas anderen Art wächst. Dabei verschmilzt historisches Interesse mit der Faszination des Geheimnisvollen und einem Hauch Voyeurismus. In der Wissenschaft wird das oft unter dem Begriff „dark tourism“ zusammengefasst. Im Mittelpunkt steht dabei die Besichtigung von Orten, Attraktionen und Ausstellungen, welche Tod, Leid oder Makaberes als Hauptthema haben. Die Palette reicht vom Friedhofspaziergang bis hin zu Katastrophengebieten, definiert die Universität Lancashire, die bereits ein eigenes Institut für Dark Tourism eröffnet hat.

Auch im deutschsprachigen Raum beschäftigten sich die Forscher mit dem Thema, wie die Universität Salzburg oder das Institut für Zeitgeschichte in München, und legen ihren Fokus auf Reisen zu Holocaust-Gedenkstätten. Neu ist das nicht. Schon in der Antike besuchten die Menschen berühmte Schlachtfelder und pilgerten zu Ehren des griechischen Totengottes Thanatos zu Gräbern.

Bereits im 19. Jahrhundert wurden Friedhöfe ausführlich als Attraktion in Reiseführern beschrieben. Kritische Stimmen werfen Besuchern von dunklen Orten Sensationslust, die Jagd nach dem Kick und Pietätlosigkeit vor. Dark Tourism ist vielschichtig, komplex und polarisiert. Genauso wie seine Fans und ihre Motive. Ein paar davon werden hier aufgegriffen. Nämlich jene, die unter anderem auch zu den typischen Sehenswürdigkeiten von Wien zählen.

Dark Tourism: Die Top-5-Ziele in Wien

  • 1. Stephansdom
  • 2. Dritte Mann Museum
  • 3. Zentralfriedhof
  • 4. Peterskirche
  • 5. St. Anna Kirche

Quelle: Tripadivsor

Sensationslust und Voyeurismus sind nichts Neues. Schon im Mittelalter pilgerten die Menschen neugierig zu Hinrichtungen oder Schlachtfeldern. Als authentische Alternative zu Schönwetter-Sightseeing ist dark tourism heute auch eine Art Auseinandersetzung mit der Geschichte, dunkle Aspekte inklusive. Die leichte Gänsehaut, die sich etwa bei einem Besuch im Narrenturm, einer der ersten psychiatrischen Heilanstalten Europas, einstellt, wird dabei gern in Kauf genommen.

Das gilt auch für Stätten des Holocaust, der nationalsozialistischen Vergangenheit und des Zweiten Weltkriegs. Diese sind inzwischen längst zu touristischen Zielen geworden. Dr. Axel Drecoll vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich angesehen, wie dort Geschichte erzählt wird.

Präsentation ist alles. Auch am Friedhof.

Die Inszenierung beginnt bei der Gestaltung der Grabsteine, geht über den Umgang mit dem Tod und endet bei einer Erlebniswanderung zwischen den Bäumen des Erinnerns. Der mehrfach ausgezeichnete Kulturanthropologe und Funeralexperte Wittigo Keller erklärt im Dark.Wien-Podcast, warum die Wiener so viel Wert auf „a schene Leich“ legen und welche Geschichten auf die Besucher am Zentralfriedhof warten.

Die schönsten Friedhöfe Wiens

 

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Vor den Toten braucht man keine Angst mehr haben! Wiener Weisheit

Die Wiener gehen gern auf den Friedhof, es ist ruhig, grün und sauber. Manche Friedhöfe zeichnen sich durch eine schöne Aussicht aus, andere durch prominente Gräber, wieder andere durch eine besondere Atmosphäre. Der aufgelassene Friedhof St. Marx ist der wohl schönste Friedhof der Stadt. Hinter dem roten Ziegeltor schweigt die Welt, nur das Laub raschelt unter den Schuhen. Im Jahr 1874 fand auf dem Biedermeier-Friedhof St. Marx das letzte Begräbnis statt. Heute umschlingen Sträucher die verfallenden Grabsteine, die letzten Ruhestätten entschlafen sanft.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Warum wir so gern an Grabstätten entlang spazieren, wenn uns das doch nur an die eigene Sterblichkeit erinnert? Nun, wir können wieder gehen, den Friedhof wieder verlassen. Und wenn ein Mensch eine Angstsituation unbeschadet übersteht, werden im Gehirn Endorphine ausgeschüttet. Wer hinschaut statt wegschaut, erlebt einen kleinen Kick – zumindest solange er selbst in Sicherheit ist.

Morbides und Morde im Kriminalmuseum

Die mörderischen Seiten Wiens lernt man im Kriminalmuseum im alten Seifensiederhaus kennen. In 20 Räumen werden ausführlich Mordfälle und Serienmörder der Stadt präsentiert. Mitunter trifft man im Kriminalmuseum Gestalten, die einem auch bei einer schaurigen Führung durch die Stadt, begegnen können. Diese Touren sind bei Einheimischen wie Touristen sehr beliebt. Während die einen begeistert Spukgeschichten lauschen und Geister jagen, beschäftigen sich andere mit aktuellen Abgründen:  Bei einer Ugly-Vienna-Tour sieht man die wirklich hässlichen Seiten der Stadt. Dabei geht es nicht um Mord, Tod und Geister, sondern um die architektonische Sünden der Stadt, die durchaus auch Plätze des Grauens sein können.

Sind wir nicht alle ein wenig dark?

Zurück zur Geschichte. Friederike Kraus ist staatlich geprüfte Fremdenführerin in Wien und bringt Interessierten zum Beispiel die Geschehnisse von 1918 bis 1938 bei Rundgängen näher. „Das hat mit dem Geschönten und Glatten der Stadt nichts zu tun“, sagt Kraus. Die Teilnehmer, meist Österreicherinnen und Österreicher, bringen historisches Wissen mit und zeigen sich interessiert an alternativen Themen. Anhand von Denkmälern arbeitet Kraus die Vergangenheit auf und lüftet so manches Geheimnis. Etwa, dass im Grab des unbekannten Soldaten am Heldenplatz tatsächlich eine Nazihuldigung entdeckt wurde. Mit solch dunklen Aufhängern wird eine historische Führung plötzlich spannend und spricht auch jüngeres Publikum an. Schließlich darf man nicht vergessen, dass es in Wien an die 700 Fremdenführerinnen und Fremdenführer gibt, die alle Geld verdienen wollen.

Ob das „dark tourismus“ ist? Vielleicht. Aber was ist dann das Gegenteil davon? Cosy Tourismus? Es kommt wohl darauf an, wie sich eine Stadt präsentieren will. Sisi und Schönbrunn passen besser zum positiven Image, obwohl die besondere Beziehung der Wiener zum Tod nicht von der Hand zu weisen ist. Dementsprechend hoch ist wohl auch die Dichte an dunklen Sightseeing-Möglichkeiten.

Für mich ist weder ein Friedhof dunkel, noch eine Vampirführung. Friederike Kraus

Letzteres sei einfach ein Gag. Viel spannender sind für Kraus  „lost places“, also verlassene oder vergessene Orte, weil diese noch unberührt sind. Die Michaelergruft war vor einigen Jahren noch so ein Geheimtipp. Doch dann kamen die Touristen und das Klima für die Mumien war dahin. Der Ort verlor an Authentizität und Atmosphäre. Die Kommerzialisierung war kontraproduktiv. Der Grat zwischen Erinnern und Vergessen ist schmal. Nicht jeder hält die Balance.

Dark Tourism in Wien, Foto Anita Arneitz

Über Dark Tourism in Wien

DARK.wien ist ein multimediales Projekt im Rahmen des Zertifikatskurses Digitaljournalismus 17/18 am Fjum Wien. Die dunklen Seiten der Stadt erkundeten die fünf Journalistinnen Anita Arneitz, Tamara Bogner, Teresa Freudenthaler, Katharina Kunz und Petra Rosenblattl.

Dieser Beitrag ist außerdem Teil der Blogparade zum schwarzen Tourismus von Michelle/The Road Most Traveled

2 Comments

  1. Pingback: Leben in der Sperrzone: Tour nach Tschernobyl - Reiseblog | Anita auf Reisen

  2. Pingback: Blogparade: Schwarzer Tourismus – The Road Most Traveled

Leave A Reply

Navigate
WP Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com