Gedanken auslüften in den Dünen – Winter auf Sylt

Lesezeit: 4 Minuten

Überlaufen, teuer und nur was für Schickimickis? Von wegen! Die größte Nordseeinsel Deutschlands ist vor allem im Winter eine ruhige Rückzugsoase für Strandliebhaber mit Sinn für die Natur. 

Tipps für den Winter auf Sylt

Winter auf Sylt, die besten Tipps vom Reiseblog www.anitaaufreisen.at, Foto Matthias Eichinger
Winter auf Sylt – Leuchtturm Ellenbogen, Foto Matthias Eichinger

Rote Wangenbäckchen, zersauste Haare und Gummistiefel gehören zum Dresscode auf Sylt. Der Wind fegt über die Dünen, das Meer peitscht aufgeregt an Land und bringt Muscheln in allen Farben mit. Zuhause würde so manch einer bei dem Schmuddelwetter keinen Fuß vor die Türe setzen. Aber die Nordsee zeigt erst jetzt ihre wahre Schönheit. Daher wird der Schal ein wenig enger um den Hals gezogen und die Jacke zurecht gerückt. Nichts ist befreiender als jetzt in den Dünen die Gedanken auszulüften. Kilometerlang einen leeren Strand entlanglaufen, zwischen dem Schilf dem Weg zum Leuchtturm suchen. Einige schöne Exemplare lassen sich ganz im Norden finden.

Allein in den Dünen – im Leuchtturmfieber

Kräuter- und Naturfreunde werden von der Wanderung über die Braderuper Heide begeistert sein. Architektur- und Fotojäger zieht es zum Leuchtturm Rotes Kliff. Stativ steht. Der Blickwinkel ist perfekt. Und schon ist man infiziert – vom Leuchtturmfieber. Plötzlich will man alle sehen. Weil jeder einzigartig ist und wahnsinnig fotogen. Also geht die Reise weiter Richtung Norden. Jetzt wird die Insel immer schmaler und die Straße rückt näher an die kilometerlangen Sandstrände.

Ellenbogen, Winter auf Sylt, Tipps vom Reiseblog anitaaufreisen.at, Foto Anita Arneitz
Kilometerlange Strände auf Sylt

Wer will, kann sein Auto auf einem der Parkplätze stehen lassen, über die Dünen stapfen und den Wellen beim Tanzen zu sehen. Oder man widersteht der Verlockung und düst weiter zu den Wanderdünen.

Jedes Mal sehen die Wanderdünen anders aus und man hat das Gefühl mitten in der Wüste zu sein. Vor allem wenn am Nachmittag die Sonne tiefer steht und die Hügel tiefe Schatten werfen. Es gibt nur eine Straße – und diese endet bei der Mautstation zum Naturschutzgebiet Nord-Sylt „Ellenbogen“. Ein Pkw muss hier fünf Euro Tagesgebühr für die Einfahrt zahlen, aber es lohnt sich.

Rantum, Winter auf Sylt, Tipps vom Reiseblog anitaaufreisen.at, Foto Anita Arneitz
Hinweis für Winterwanderer

Strand ohne Ende

Der letzte Zipfel der Insel, der sogenannte Ellenbogen, ist ein Naturparadies mit zwei Leuchttürmen und von bunten Muscheln übersäten Stränden. Aber Achtung: Ab und zu auch mal einen Blick auf die Straße werfen, denn die Schafe rennen frei herum und kreuzen schon mal die Fahrbahn! Deshalb lassen die Naturfreunde das windgeschützte Gefährt einfach auf einem der Parkplätze stehen und laufen den Strand entlang.

Ellenbogen, Winter auf Sylt, Tipps vom Reiseblog anitaaufreisen.at, Foto Anita Arneitz
Ellenbogen auf Sylt

Wer dabei den Blick nach unten richtet, findet unterwegs jede Menge Schätze – Treibholzfiguren oder Muscheln, die wie Edelsteine in der Sonne funkeln. Auf dem Weg zurück sollte auch ein Stopp in der kleinen Stadt List eingeplant werden.

Als Erstes wird dort im Hafen der Hunger bei Gosch gestillt und ein Fisch bestellt. Gut gestärkt geht es vis a vis ins Erlebniszentrum Naturgewalten. Zum einen haben Besucher von der Dachterrasse einen herrlichen Blick auf das UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer, zum anderen werden Naturphänomen unterhaltsam und kurzweilig erklärt.

Friesen-Tee unterm Reetdach

Zum Aufwärmen geht es ins Kontorhaus Keitum. Das ist ein gemütliches Teehaus mit Hunderten verschiedenen Sorten Tee und einem wunderschönen Ausblick auf die Heide. Hier wird das Trinken des Ostfriesentees traditionell mit Kandiszucker und Milch in aller Ruhe zelebriert.

Gut, dass es im Winter nicht so lange hell ist. Erstens lässt es sich ohne schlechtes Gewissen in aller Ruhe im Restaurant schlemmen. Labskaus zum Beispiel mit Spiegelei, Matjes und Gewürzgurke. Zweitens bleibt in der kalten Jahreszeit davor oder danach noch ausreichend Zeit, um vor dem knisternden Feuer im Spa abzutauchen.

Vor allem, wenn es draußen dunkel ist, ist der Pool mit seinen Farbspielen im Severin*s Resort & Spa im Kapitänsort Keitum ein Hit. Auf Massentourismus wird verzichtet, stattdessen Nachhaltigkeit groß geschrieben. Bei den Behandlungen wird auf die Kraft der Natur gesetzt. Sandstempelmassagen aktivieren die Reflexzonen der Haut und sorgen für eine gute Durchblutung.

Ein Nickerchen auf feinstem Quarzsand bringt den Körper ins Gleichgewicht, während der Tee mit heilkräftigen Pflanzen von der Heide entschlackend wirkt und ein Körperpeeling mit Algen sowie Meersalz das Bindegewebe in Form bringt. Wer das alles für sich ganz alleine genießen möchte, reserviert sich eine Private Spa Suite, die auch Tagesgäste stundenweise buchen können. So wird im 2000 Quadratmeter großen Spa ein Stück Natur ins Innere geholt.

Seefahrtstraditionen

Das kleine Örtchen Keitum zählt wohl zu den romantischsten Plätzchen auf Sylt. Manche würden auch verschlafen oder ursprünglich sagen. Auf alle Fälle sind hier die typischen Reetdachhäuser liebevoll mit Blumen gepflegt und der Geist der alten Seeleute noch lebendig.

Wer tiefer in die alten Geschichten der Kapitäne eintauchen möchte, erfährt bei einem Besuch im Heimatmuseum oder der Kirche St. Severin mit dem dazugehörigen Friedhof am Meer. Einige der Grabsteine stammen aus dem 17. Jahrhundert und sind noch recht gut erhalten. Leise erzählen sie von Aufbruch und Heimkehr, Hoffnung und Treue, festhalten und loslassen.

Sanfter Abschied

Ein paar Tage auf der Insel erfrischen den Geist. Doch bevor es wieder zurück auf das Festland geht, heißt es noch in Rantum vorbei schauen. Hier trennen nur 600 Meter die Nordsee vom Wattenmeer. Damit ist das schmalste Stelle der Insel. Ausgangspunkt für gemütliche Deichwanderungen ist das Rantumbecken. Allerdings sollten Wattwanderungen nur mit einem ortskundigen Führer gemacht werden. So harmlos sie aussehen, die Naturgewalten sind unberechenbar.

Wer auf Nummer sicher gehen will, besucht lieber den Strandkorbbauer im Hafen, kauft im Outlet ein oder trinkt Kaffee in der Rösterei.

Überall wird einem die friesische Herzlichkeit begegnen, die so ist wie die Insel – manchmal etwas rau, aber immer innig und ehrlich. Einfach schön.

 

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Nackte Weihnachtsmänner zwischen den Dünen

Magie der Leuchttürme

 

Fotos: Anita Arneitz & Matthias Eichinger

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