In Marokko und Nepal geben Schulen Wurzel und Flügel

Lernen fürs Leben im Einklang mit der eigenen Kultur in Marokko und Nepal. Wie das Konzept der „école vivante“ Kindern die Tür zur Bildung und schenkt Zukunftsperspektiven öffnet. 

Marokko, Schule ecole vivante, weltweitwandern.com
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Marokko: Schulalltag im Hohen Atlas

Sechs Stunden dauert die Fahrt von Marrakesch ins abgelegene Hochtal Ait Bouguemez mitten im Hohen Atlas. Auf 1800 Meter Seehöhe werden die Felder mit Maultier und Pflug bestellt. Wiesen mit der Sense gemäht. Wäsche im Fluss gewaschen und Kühe per Hand gemolken. Großfamilien leben zusammen in einem Lehmhaus. Viele Erwachsene können weder lesen noch schreiben, obwohl es eine Schulpflicht für die ersten sechs Jahre gibt. Oft sind Haus- und Feldarbeit wichtiger als Schulaufgaben.

Eigene Kultur als Teil des Unterrichtes

 

Die staatlichen Schulen sind karge Betonhütten, die mitunter ohne Heizung, fließendes Wasser und Toiletten auskommen. In einem dunklen Raum sitzen rund 40 Kinder beengt auf maroden Bänken. Die Lehrer sind streng. Wer sich nicht benimmt, bekommt den Rohrstock zu spüren. Zudem erfolgt der Frontalunterricht auf Arabisch. Eine Sprache, die vielen Kindern im Tal fremd ist. Denn der Berberstamm spricht einen eigenen Dialekt, der sich vom Arabischen unterscheidet. In eine solche Schule wollte die gebürtige Deutsche Stefanie Itto Tapal-Mouzoun ihre Kinder nicht schicken. Seit 2005 lebt sie mit ihrem Mann Haddou im Tal.

Das einfache, ursprüngliche Leben der Barber, ihre offene freundliche Art, ihr Stolz und ihre innere Unabhängigkeit haben mich von Anfang an fasziniert“, erzählt Stefanie.

Das motivierte sie dazu nach einer anderen Bildungsmöglichkeit zu suchen. In der Schweiz entdeckte sie das Konzept der Scuola Vivante. Lehrer sind Vermittler und begleiten Kinder auf ihrem persönlichen Lernweg. Ähnlich wie die Pädagogik von Walddorf oder Montessori. Inspiriert davon gründete Stefanie mit ihrem Mann eine eigene Schule im Dorf.

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école vivante in Marokko

Die Unterrichtsräume sind groß, hell und freundlich. An der Wand hängen bunte Bilder. In der Bibliothek gibt es eine bequeme Sitzecke. In den Werkstätten wird fröhlich gehämmert und gebastelt. Neben Lesen, Schreiben und Rechnen lernen die Kinder, wie man Kräuter anpflanzt oder Zäune repariert. Gearbeitet wird in kleinen Gruppen, immer fächerübergreifend ohne Druck. Bei einem Ausflug in die Stadt werden anschaulich Landesgeschichte, Sehenswürdigkeiten, Wirtschaft und Tourismus erklärt.

Kontakte nach außen ermöglichen breit gefächerte Bildungschancen und ein objektives Einschätzen der Realitäten in der großen Welt, statt nur ein eingebildetes Träumen vom paradiesischen Leben in der Stadt oder in Europa“, sagt Stefanie.

Untereinander wird Arabisch, Französisch und Berberdialekt gesprochen. So wird weder Muttersprache noch Traditionen der Berber ausgegrenzt. „Die Schule bietet eine umfassende Bildung, stets mit Realitätsbezug und dem Aufzeigen von Lebensmöglichkeiten in ihrer Heimat, sodass die Kinder fähig sind, ihr Leben einmal mutig selbst in die Hand zu nehmen, kreative Lösungen zu entwickeln und tief drinnen wissen, dass sie es schaffen können“, erklärt Stefanie. Unabhängig vom sozialen Hintergrund können Kinder die Schule besuchen. Das Schulgeld beträgt 25 Euro. Jene, die es sich nicht leisten können, werden über Spenden finanziert. Die Eltern sind ins Schulgeschehen eingebunden. Die Infrastruktur wird außerhalb des Unterrichts vom Dorf genutzt, um in den Ateliers zu filzen, Bräuche zu pflegen oder Fest zu feiern.

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Die Schule wurde zu einem Begegnungszentrum für die Dorfbewohner.

Aufbruchstimmung im Tal

Im April wurde die Schule erweitert und eine Oberstufe eröffnet.

Viele Jugendliche und deren Eltern sehen neue Perspektiven, weil es in ihrem Tal jetzt eine Sekundarschule gibt“, berichtet Haddou.

Dort schnuppern die Schüler in verschiedene Berufe hinein, wie jene des Tischlers, und lernen handwerkliche Fertigkeiten, um Felder besser zu bestellen oder selbst etwas zu reparieren.

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In der Schule lernen Kindern praktische Fähigkeiten für den Alltag.

Nepal folgt makkaronischem Beispiel

Nach dem diesem Vorbild entsteht gerade in Nepal die nächste lebendige Schule. Der Grundstein dafür wurde im Frühjahr gelegt. 400 Kinder sollen hier für ein besseres Leben lernen können. Ermöglicht wurde das Großprojekt genauso wie die Oberstufe in Marokko durch die Unterstützung des Grazer Reiseveranstalters Weltweitwandern.

Begegnung auf Augenhöhe und respektvolles Miteinander sind uns sehr wichtig“, sagt Christian Hlade von Weltweitwandern.

Für die Kundalinee School in Nepal ist er noch auf der Suche nach Spenden. Jeder Euro bedeutet für die Kinder einen Schritt in eine bessere Zukunft. Denn mit einer guten Ausbildung können sie Arbeit finden und ihre Familie ernähren.

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Ein Schulkonzept für Österreich?

Eine lebendige Schule passt sich an das Leben der Einheimischen an. Sie wächst aus und mit den Bedürfnissen vor Ort. Auch in Österreichwäre das denkbar. „Wenn jemand mit Herzblut und Gespür eine so eine Schule woanders gründen möchte, dann teilen wir gerne unsere Erfahrungen“, sagt Stefanie. Allerdings wird so eine Schule anders sein, als die école vivante im Hohen Atlas oder die Kundalinee School in Nepal. Während in Marokko auf die Berbertradition und die islamische Religion Rücksicht genommen wird, spielen in Nepal hinduistische Rituale eine große Rolle. Doch so verschiedenen die Schulen sind, eines verbindet sie: Sie geben ihren Kindern Wurzeln und Flügeln, ohne kulturelle Widersprüche und Druck.

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Lebendige Schulen in Marokko selbst erleben und unterstützen:

Spendenmöglichkeit und Infos: www.weltweitwandernwirkt.org

Besuchsmöglichkeit in Marokko, Führungen mit Voranmeldung: www.ecolevivante.com

 

Alle Fotos: weltweitwandern. Der Artikel erschien zuerst im Straßenmagazin Megaphon.

 

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