Fang mit dem Ende an … Ein Schreib-Retreat auf Gut Trögern

Lesezeit: 6 Minuten

Retreats kennen die meisten eher im Zusammenhang mit Yoga oder Schweigen. 2020 erzählte mir Reisejournalistin, Bloggerin und Schreibcoach Anita Arneitz von ihrer Idee, einen Schreib-Retreat zu veranstalten. Drei Sätze reichten, um mit ein begeistertes „Da bin ich dabei“ zu entlocken. Ein Gastbeitrag von Nicole M. Mayer.


Zugegeben, ich war vorbelastet – im positiven Sinne. Ich durfte Anita vor vielen Jahren kennenlernen und bin zu einem Fan von ihrer Arbeit, besonders von ihr als Person geworden. Eine Frau, die vor kreativen Ideen sprüht. Die unterschiedlichste Projekte erfolgreich umsetzt. Eine Unternehmerin mit einer Besonnenheit, die ihrer Umgebung einfach gut tut. Und ein Mensch, der ins Schreiben verliebt ist wie ich. Dazu später mehr.

Schreib-Retreat
Schreib-Retreat

Mit leichtem Gepäck hoch hinaus ins Schreib-Retreat

Voll Vorfreude packte ich meinen Koffer. Ich spürte, dass mir etwas völlig anderes bevorstand. Kein Laptop, kein Kalender oder ähnliches Businesszeugs. Schreibblock, Füllfeder und meine gemütlichen Lieblingsklamotten. Das Schminktascherl durfte die nächsten Tage allein im heimischen Badezimmer verweilen. Es machte Platz für meine geliebten Wollsocken. Es ging auf den Berg und da herrschten noch nicht ganz sommerliche Temperaturen.

Am Weg nach Gut Trögern in Bad Eisenkappel taucht man in die wunderschöne Welt der Trögener Klamm ein. Links und rechts ragen Kalkfelsen hoch in den Himmel. Eine einzelne (sehr gute) Straße führt durch diese Zauberwelt. Ein wenig erinnert sie an die versunkene Stadt Atlantis. Der Trögenerbach setzt die romantische Krone oben drauf.

Es geht aufwärts. Die Bäume lichten sich. Man hat das Gefühl, direkt in den blauen Himmel zu fahren. Dann steht das dieses wunderschöne alte Haus. Gut Trögern. Die Kärntner Psychologin Lydia Kienzer-Schwaiger hat es ihm neues Leben eingehaucht. Und teilt diesen Kraftort mit ihren Gästen.

Schreib-Retreat
Schreib-Retreat

Ankommen, loslassen und eintauchen

Gut Trögern schenkt einem unmittelbar ein Gefühl des Ankommens. Jegliches Zeitgefühl scheint sich schlagartig in Luft aufzulösen. Ganz plötzlich ist man einfach. Der herzliche Empfang von Lydia gleicht nicht ansatzweise dem Einchecken in ein Business-Hotel. Höchstpersönlich bringt sie mich in den Traum, der die nächsten drei Tage mein Reich sein wird. Im Kachelofen höre ich das Holz knacken. Ich sehe mich schon am kleinen Tischchen sitzen und meinen Schreibblock aufklappen.

Unten höre ich die Menschen ankommen, mit denen ich gemeinsam in den nächsten Tagen das Schreiben genießen darf. Ein bunter Haufen aus allen Ecken Österreichs. Jede mit ihrer eigenen Geschichte im Gepäck. Bloggerinnen, Autorinnen, Texterinnen, Durchstarterinnen. Noch ahne ich nicht, welche Bedeutung sie für meine eigenen Projekte haben werden.

Schreib-Retreat
Blauer Himmel und Freiraum beim Schreib-Retreat in Kärnten

Für was denn dieser Retreat? Du kannst doch gut schreiben!

Das war die häufigste Frage aus meinem Umfeld. Nachdem ich erzählt hatte, wohin meine Reise mich führt. Ehrlich? So richtig beantworten konnte ich sie nicht. Meine Motivation war Anita als Retreat-Leiterin. Mit ihr die Chance, mich drei Tage meinen Schreibprojekten zu widmen. Ohne Ablenkung. An einem Ort der Ruhe und der Kraft.

Ich hatte keine richtige Vorstellung davon, was mich erwartete. Ich kannte nur ein paar „Schreibimpulse“ von Anita. Die hatte sie dankenswerterweise während des ersten Lockdowns 2020 über Social Media unter die Leute gebracht. Und ich hatte voller Freude mitgeschrieben.

Eigentlich völlig unbemerkt waren wir gleich mittendrin im Retreat. Jede von uns erzählte von ihren Projekten, von ihren Ideen. Unaufgeregt wie sie nun mal ist, schickte uns Anita mit kreativen Aufgaben auf unsere Reise. Sie schuf den Raum, den jede einzelne für ihr Projekt brauchte. Diese unglaubliche Erfahrung, so viel Zeit mit mir selbst zu haben und gleichzeitig nie einen Moment der Verlorenheit zu spüren, beeindruckt mich heute noch nachhaltig.

Schreib-Retreat
Stärken stärken – ein Leitmotiv beim Schreib-Retreat

Von wegen Schreibblockade!

Als Texterin bin ich es gewohnt, dass meine Worte veröffentlicht werden. Doch das, was ich da seit mehr als zwanzig Jahren für mich schreibe, ist noch nie auf andere Ohren gestoßen. Bis zu diesem Schreib-Retreat. Denn da musste ich zugeben: Ich hab eine ausgewachsene Vorlese-Blockade! Und das ist auch so eine Spezialität von Anita: Sie bringt einen dazu, über den eigenen Schatten zu springen. Und was bin ich ihr dankbar dafür! Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Kurzfristig hatte ich sogar das Gefühl, im nächsten Moment umzufallen. Mit zitternden Händen las ich das erste Mal vor mehreren Leuten ein Gedicht von mir.

Am Ende angekommen traute ich mich kaum, von meinem Buch aufzuschauen. Musste ich dann irgendwann. Das mit dem Unsichtbar-machen klappt noch nicht so gut. Plötzlich sah ich in bewegte Gesichter. Hatte da tatsächlich jemand Tränen in den Augen? Ich war völlig geplättet von den Reaktionen und dem Feedback aus der Runde. In mir schlugen die Emotionen Purzelbäume. Aufregung. Freude. Herzklopfen. Vor allem: Dankbarkeit.

Schreib-Retreat
Plätze zum Schreiben und Teilen auf Gut Trögern

Wie fang ich denn an? Mit dem Ende.

Anita führte uns das ganze Wochenende durch unsere eigene Schreib-Reise. Mit spannenden Schreibtechniken, Kreativitätsimpulsen und innovativen Schreibaufgaben. Die Kärntner Autorin, die selbst schon so viele großartige Bücher veröffentlicht hat. Immer auf Augenhöhe, völlig wertschätzend. Mit unglaublich vielen wertvollen Tipps in Richtung Buchveröffentlichung.

Dazu kamen das Feedback und die Gespräche mit meinen Schreibkolleginnen, meinen Schreib-Buddies. Und wieder Anita. In einem Moment kam die Frage auf, was tun, wenn nichts geht? „Fang mit dem Ende an“ war Anitas Antwort. Wie jetzt? Ich soll ein Ende schreiben, von dem es noch keinen Anfang gibt? Da sind zwar ein paar fertige Kapitel, Fragmente. Die liebe Anita lies jedoch nicht locker. Also: Ran an die Stifte und schreib das Ende.

Wisst ihr was? Das klappt! Das funktioniert sogar richtig gut! Wie aus dem Nichts schoss mir das letzte Kapitel eines Buchprojekts. Fast so, als würde es von ganz allein aufs Papier rinnen. Damit nicht genug. Mit dem letzten Satz wirbelte es in meinem Kopf. Drei Stunden später waren zwei weitere Kapitel des Buches am Papier. Klar, in der Rohfassung. Aber da.

 

Schreib-Retreat
Gastautorin Nicole M. Mayer beim Schreib-Retreat.

Aufregung und Dankbarkeit

Die drei Tage vergingen wie im Flug. Viel zu schnell für mein Gefühl. Ich hätte locker noch ein paar Tage dranhängen können. Mit haufenweisen neuen Texten und Ideen packte ich fast ein wenig wehmütig wieder meine Koffer. Doch ich hatte ja an diesem Wochenende etwas Wertvolles gelernt: Mit jedem Ende entsteht ein neuer Anfang!

Schreib-Retreat
Jede TeilnehmerIn findet ihren persönlichen Schreibort.

Mit Anita auf Reisen

Anita Arneitz kommt aus Kärnten und bezeichnet sich selbst als „Journalistische Schreib-Nerdine mit Seitensprüngen als Buchautorin und Trainerin für kreatives Schreiben“. Die Idee zu einem Schreib-Retreat hatte sie bereits 2007 – in dem Jahr, in dem sie ihr Unternehmen gründete. „Doch die Zeit war damals noch nicht reif dafür“ schmunzelt sie im Gespräch.

Im Jahr 2021 passte es schließlich. „Ich habe die Tage als sehr intensiv erlebt“, so die Wortakrobatin, „Die Energie der Gruppe war so mitreißend. Die Ventile sind offen und es entstehen Tausende neue Ideen.“ Mit welcher Überzeugung und Freude Anita ihr Wissen teilt und in anderen die Schreibfreude weckt, ist im Gespräch mit ihr zum Greifen spürbar. „Hier entstehen Herzensprojekte. Die Menschen geben mir die Möglichkeit, sie auf ihrem Weg zu begleiten. Das begeistert mich immer sehr.“

„Es hat einfach alles zusammengepasst. Es war Zeit für den ersten Schreib-Retreat“, erzählt Anita. „Mit Gut Trögern kam letzten Endes noch die optimale Location dazu.“

Schreib-Retreat
Perfekter Ort für Schreib-Retreats: Gut Trögern in Südkärnten.

Ein historisches Haus mit Charme

Auf rund 1.000 Metern Seehöhe genießt man auf Gut Trögern einen Ort der Ruhe und der Kraft. Die Kärntner Psychologin Lydia Kienzer-Schwaiger hat 2020 diesen Ort für sich entdeckt und für die Menschen wieder geöffnet.

„Ich arbeite sehr viel mit Burn-Out-Patienten. Die Anfahrt durch die Schlucht, die Wände links und rechts waren für mich Sinnbild für den oft beschriebenen Tunnelblick. Ein Moment ohne Erwartungen. Alles wird schwerer. Und von jetzt auf gleich öffnet sich die Welt und präsentiert diesen unbeschreiblichen Weitblick,“ erinnert sie sich.

Die Begegnung mit Menschen, das in den Austausch miteinander kommen. „Gut Trögern ist ein besonderer Ort, um zur Ruhe zu kommen. Um Kraft aus der Natur zu schöpfen,“ beschreibt die Hausherrin ihr Juwel. „Ich bin so dankbar für diesen Ort. Mit jedem Gast, mit jedem Seminar und jeder Veranstaltung darf ich so viel Neues lernen“, schließt sie das Gespräch.

Schreib-Retreat
Ideen und Energie aufblühen lassen.

Hier gibt’s was zum Weiterschmökern

Schreib-Nerdine – Anita Arneitz: Angebot und Bücher: www.anitaarneitz.at

Gut Trögern – Mag. Lydia Kienzer-Schwaiger: www.gut-trögern.at

Trispirit – Communication, Consulting, Coaching mit Nicole M. Mayer: www.trispirit.at

Happy Ends beim Schreib-Retreat

Ergänzung von Schreibtrainerin Anita: Inzwischen ist über ein halbes Jahr vergangen. Eine Teilnehmerin hat im Sommer ihr Buch bereits gedruckt präsentiert. Eine zweite Teilnehmerin hat ihr englischsprachiges Werk bereits im Lektorat. Eine dritte Teilnehmerin wird rechtzeitig vor Weihnachten ihr erstes Kinderbuch veröffentlichen. Und auch bei allen anderen ist nach dem Retreat richtig viel weiter gegangen. Wer auch einmal an einem Schreib-Retreat teilnehmen möchte, schreib einfach ein Mail an office@anitaarneitz.at. Pro Jahr gibt es ein bis zwei Terminmöglichkeiten. Danke an Nicole für den wunderbaren Einblick und das Teilen ihrer Schreib-Retreat-Erfahrungen.

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Text: Nicole M. Mayer, Fotos: Nicole M. Mayer, Anita Arneitz

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